NACHLESE:

 


Impulsreferat gehalten von Gerlinde Wrießnegger/Ktn.Landesverband der Gehörlosenvereine zur Arbeitstagung (24.Nov 2010) zu UN-Konvention über Rechte von Menschen mit Behinderungen (...es wurde versucht den Text ähnlich dem Leicht-Lese-Format zu gestalten)  :

Gebärdensprache zur Sicherung der Kommunikation und Teilhabe

 

 
 Zur Einführung

Eine gehörlose Mutter hat eine 12 jährige hörende Tochter.
In der Schule ist ein Elternabend. Die Mutter soll kommen, weil es Probleme in der Schule gibt. Einige Buben ärgern die Mädchen immer und sind sehr böse. Für die Mutter ist es darum sehr wichtig zum Elternabend zu gehen.
Die Mutter nimmt einen Dolmetscher mit. Sie kann nicht hören, was die Lehrer sagen. Der Dolmetscher übersetzt alles in Gebärdensprache. Die Gebärdensprache kann sie gut verstehen. Nach 1 1/2 Stunden ist das Gespräch fertig. Sie geht heim. Sie ist froh weil der Lehrer gesagt hat, dass die Tochter sehr brav ist. Die Kommunikation hat gut geklappt.
Für den Dolmetscher muss sie bezahlen. Damit sie verstehen kann, was der Lehrer gesagt hat, zahlt sie ungefähr 150 Euro.Ich frage: Müssen alle Eltern dafür zahlen, wenn sie zum Elternabend gehen? Für gehörlose Eltern ist das so in Kärnten.
Ist das so richtig ???

 
 Hauptproblem -
 Kommunikation

Als Vertreterin der Gehörlosen in Kärnten soll ich über unsere Probleme berichten. Es ist schwer genau zu erklären, was wir brauchen. Wir können nicht hören. Wir können aber viel verstehen, wenn die Kommunikation klappt.

Eigentlich kann ich einfach sagen: unser Hauptproblem ist die Kommunikation. Wenn die Kommunikation funktioniert, dann sind wir dabei. Wenn die Kommunikation nicht funktioniert, sind wir ausgeschlossen.

Ein anderes Beispiel:
Ein hörender Vater hat einen gehörlosen Sohn. Der Vater wird alt. Er schreibt ein Testament. Der Vater ist lieb, er will das Haus soll der gehörlose Sohn erben. Dann stirbt der Vater.
Der Notar liest das Testament vor. Der Sohn kann nicht hören was der Notar vorliest. Es ist niemand da der in Gebärdensprache übersetzt. Ein Verwandter sagt, dass der Sohn nur schwerhörig ist und lesen und schreiben kann. Das ist nicht richtig.
Dann gibt der Notar dem Gehörlosen acht Seiten, die voll geschrieben sind. Das ist ein "Erbschaftsveräußerungsvertrag". Er versteht dieses Wort "-veräußerung-" nicht. Er versteht nicht was in den vielen Seiten geschrieben ist. Niemand erklärt es in Gebärdensprache.
Aber der gehörlose Sohn glaubt, dass der Verwandte alles gut macht. Er unterschreibt: mit "gelesen und genehmigt" und seinem Namen.
Später glaubt der Gehörlose, dass ihm das Haus noch immer gehört, aber das ist ein Irrtum. Er hat nach einigen Jahren nichts mehr und muss sich eine Wohnung suchen.
Die Kommunikation mit dem Gehörlosen hat nicht geklappt.

Diese Beispiele sind nicht die einzigen. So etwas kommt öfter vor. Aber die Gehörlosen verschweigen es, weil sie sich schämen. Sie wollen nicht zugeben, dass sie etwas nicht verstanden oder falsch verstanden haben. Manchmal werden sie einfach angelogen, aber sie wissen nicht was richtig ist.

 
 
 Kommunikation in
 verschiedenen
 Lebensbereichen:
Kommunikation ist immer wichtig, manchmal mehr, manchmal weniger.

Austausch lebenswichtiger Informationen:

Es gibt Situationen da kann es lebenswichtig sein, dass die Kommunikation gut klappt. Z.B. wenn ein Gehörloser im Krankenhaus ist - wenn er eine gefährliche Krankheit hat oder bei einer plötzlichen Notsituation - da ist wichtig, dass der Arzt mit dem Betroffenen reden kann.
In den Krankenhäusern werden immer öfter Dolmetscher gerufen (und auch bezahlt!). Das ist sehr gut. Leider funktioniert das bei den anderen Ärzten noch nicht so. Das ist sicher gleich wichtig!
Eigentlich ist ein Arztbesuch ohne Gebärdensprache unmöglich.
Oder wenn es z.B. eine Alarmsituation gibt. Heute gibt es schon einige Alarmmeldungen die auch optisch sind (= zu sehen).
Z.B. werden die Alarmsirenen bei den Feuerwehren einmal im Jahr überprüft und das kann man auch im Fernsehen bemerken (Untertitel: "Probealarm, keine Gefahr !" wird angezeigt)
Aber es gibt noch viele Warnmeldungen die man nur hören kann (Lautsprecher) - das merkt ein Gehörloser nicht.
Das muss sich noch ändern !

Kommunikation in der Familie:

Bei hörenden Eltern mit gehörlosen Kindern klappt die Kommunikation oft nicht gut. Bei gehörlosen Eltern mit hörenden Kindern gibt es auch manchmal Schwierigkeiten.
Warum?
Meistens fehlt eine gute Beratung für die Eltern. Hörende Eltern wissen meist auch nicht wie wichtig Gebärdensprache ist.
Wenn aber die Eltern Gebärdensprache lernen, dann können sie mit ihren gehörlosen Kindern über alles plaudern und ihnen alles erklären. Dann ist die Kommunikation fast gleich wie bei hörenden Eltern mit ihren hörenden Kindern.
Bei hörenden Kindern von gehörlosen Eltern ( = CODA) ist es heute kein großes Problem. Die meisten Kinder lernen automatisch auch Gebärdensprache. So können sie gut mit ihren Eltern kommunizieren. Die Lautsprache lernen die Kinder dann von anderen hörenden Verwandten oder Freunden.
Es war aber früher manchmal so, da hat man gehörlosen Eltern verboten hat mit ihren Kindern in Gebärdensprache zu reden. Oder man hat die Kinder weggenommen, das passiert aber heute nur mehr sehr selten.

Bildungsbereich:

Besonders schlimme Folgen sind bei der Bildung der Gehörlosen da, weil früher die Kommunikation nicht gut geklappt hat.
Gehörlose wissen viel weniger als die Hörenden. Fast alle haben große Probleme mit dem Schreiben und Lesen. Um die Schrift zu verstehen, muss man viele Worte kennen (Wortschatz) und verstehen was die Worte bedeuten.
Leider haben die gehörlosen Kinder viel weniger Worte gelernt, als hörende Kinder. In den Schulen wurde in der Vergangenheit nicht in Gebärdensprache unterrichtet. Die Lehrer haben den Kindern zu wenig Wissen gegeben. Ohne Gebärdensprache ist auch eine gute Förderung nicht möglich. Erst in den letzten Jahren ist das etwas besser geworden. Trotzdem gibt es nur wenig Lehrer die mit Gebärdensprache unterrichten können.

Der schlechte Bildungszustand macht Gehörlose oft abhängig von Verwandten oder anderen Personen. Immer wieder werden sie bevormundet, andere entscheiden für sie und das ist sicher kein selbstbestimmtes Leben.
Wenn ein gehörloser Mensch oft merkt dass er wieder nicht richtig verstanden hat oder sich nicht traut noch einmal zu fragen, dann gibt er auf. Er ist frustriert. Dass ein solcher Mensch dann depressiv wird, ist kein Wunder und passiert öfters.
Weil die Bildung so schlecht ist, können sich Gehörlose selbst auch sehr schwer helfen. Sie brauchen immer wieder Unterstützung von Menschen, die ihre Situation gut verstehen, die auch ihre Kultur verstehen. Das ist nicht einfach, weil die Gehörlosen die Änderungen selber schaffen müssen. Wenn das jemand anderer für sie macht ist das wieder eine Bevormundung, man sagt dazu auch "Zwangsbeglückung"

> Arbeitswelt:

Für die Arbeit und den Beruf ist es auch ein Nachteil, dass Gehörlose so wenig Bildung haben. Früher war es für sie nicht möglich einen Beruf frei auszuwählen. Darum haben viele den gleichen Beruf, auch wenn sie das nicht wollten. Sie haben wenig Auswahl.
Heute ist es etwas besser. Einen guten Beruf zu bekommen ist aber viel schwerer als für Hörende, obwohl sie nicht dümmer sind.
In der Arbeit gibt es oft Missverständnisse. Wenn die Kommunikation nicht klappt, gibt es Unzufriedenheit und Fehler bei der Arbeit.
Seit einigen Jahren gibt es eine Arbeitsassistenz für Gehörlose. Das kann manchmal gut helfen. Wichtig ist aber dass die Assistenz gut Gebärdensprache kann. Leider glauben manchmal hörende Mitarbeiter oder Chefs, dass sie sich gut mit gehörlosen Mitarbeitern ausreden können - das ist aber fast immer ein Irrtum. Ohne Gebärdensprache ist keine gute Kommunikation möglich.

> Kultur - und Freizeitbereich:

Es gibt spezielle Theaterstücke in Gebärdensprache. Natürlich ist das für Gehörlose etwas Tolles !
Von vielen kulturellen Veranstaltungen sind gehörlose Menschen aber ausgeschlossen. Kinofilme könnten durch Untertitel etwas verständlicher werden, aber die gibt es nur sehr wenige.
In den letzten Jahren ist das besser geworden, vor allem durch die DVD für das Fernsehen zu Hause, die fast alle Untertitel haben. Es gibt aber viele Gehörlose die Untertitel nicht besonders gerne haben, weil es nicht ihre Sprache ist.
  Z.B. ist der eingeblendete Dolmetscher bei Nachrichten im Fernsehen viel angenehmer und leichter zu verstehen - das ist aber teuer und darum gibt es wenig Sendungen mit dem Dolmetscher im Bild. Es darf nicht so bleiben, dass Nachrichten oder andere wichtige Informationssendungen für die Gehörlosen nicht in Gebärdensprache angeboten werden.
Vorträge und ähnliche Veranstaltungen könnten Gehörlose dann besuchen, wenn ein Dolmetscher dabei ist. Dabei ist aber immer die Frage wer den Dolmetscher bezahlt und darum klappt es meist nicht.

 

 
 Zusammenfassung

In Kärnten ist die schwierige Situation der gehörlosen Menschen nur wenig bekannt. Wer von den Hörenden weiß, dass die Kommunikation mit den Gehörlosen noch immer sehr behindert wird ?
Nur wenn Gehörlose mit anderen Gehörlosen zusammentreffen funktioniert es super. Und es gibt auch einige Menschen die nicht taub sind aber auch die Gebärdensprache gelernt haben. Schade dass es so wenige sind !

Teilhabe und nicht nur dabei sein geht aber nur, wenn viel Kommunikation möglich ist. Für manche Bereiche ist eine eingeschränkte Kommunikation eine klare Diskriminierung und schließt die Gehörlosen aus.
Es gibt noch zu viele Hindernisse die uns behindern. Es fehlen genaue gesetzliche Regelungen die helfen unsere Kommunikationsprobleme zu verringern.
 

Wenn die Kommunikation um uns herum möglich ist,
wenn die Kommunikation
um uns herum einfacher wird,-
dann ist diese UN-Konvention für uns eine Hilfe,
zu einem selbstbestimmten Leben ohne Diskriminierung !
 
 

 
 

erstellt von GWrießnegger u.DDBoete(Formulierung)